„Medienstadt“ Berlin: Wovon träumen Sie?
Senator Wolf redet Personalabbau schön

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) ist so herrlich anders als sein Vorgänger. Während der eloquente Gregor Gysi in den wenigen Monaten seiner Amtszeit vor allem durch flotte Sprüche brillierte („Ich dachte, ich werde Senator einer kapitalistischen Metropole – und fand das sozialistische West-Berlin...“), um dann angeblich wegen einer vergleichsweise läppischen Affäre seinen Hut zu nehmen und sich fröhlich lachend in die nächste Talkshow zu verabschieden, hat Harald Wolf ein eher bescheidenes Auftreten.

Ganz anders als dem Luftikus Gysi nimmt man ihm den hart arbeitenden, akribischen Aktenfresser ab. Man kann sich schon vorstellen, wie er mit mürrisch heruntergezogenen Mundwinkeln nächtelang in seinem Büro sitzt und über die Rettung der schwächelnden Berliner Wirtschaft grübelt. Humorlos zwar, aber immer korrekt und bis in die Haarspitzen für seinen schweren Job engagiert.

Aber natürlich braucht auch ein Wirtschaftssenator Erfolge, die er der Öffentlichkeit und der veröffentlichten Meinung präsentieren kann. Da er auf dem Gebiet der Industriepolitik und der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen in diesem Bereich keinen Millimeter vorangekommen ist, hat Harald Wolf nun ein anderes Steckenpferd entdeckt – die „Medienstadt“ Berlin. Auf seiner persönlichen Internetseite (www.harald-wolf.net) findet er – für seine Verhältnisse – geradezu euphorische Worte: „Hier entstehen die Arbeitsplätze der Zukunft... So wird aus Wissen Arbeit.“ Und er schließt fast schon poetisch: „Innovation statt Billiglohn“.

Die Wahrheit über die „Medienstadt“ Berlin ist leider eine ganz andere. Innovation ist für Berlins Medien-Manager ein Fremdwort, Billiglohn dagegen an der Tagesordnung. In den „Newsrooms“ der Printhäuser, in den Studios der Fernseh- und Radiosender herrscht ein Klima der Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes, der Intrigen und Denunziation.

  • Die mit 3,8 Milliarden Euro verschuldete TV-Senderkette Pro7Sat1 wird Berlin zu großen Teilen in Richtung München verlassen. 250 Jobs werden abgebaut.

  • Dem Glamour-Magazin „Vanity Fair“, das einst angetreten war, den „People-Journalismus“ neu zu erfinden, rennen Leser und Anzeigenkunden in Scharen davon. Folge: Ab kommendem Jahr wird „Vanity Fair“ nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch monatlich erscheinen. Die Entlassung Dutzender Redakteure und Verlagsmitarbeiter steht unmittelbar bevor.

  • Im Berliner Verlag (u.a. „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“) fürchten sich die Mitarbeiter vor immer neuen Entlassungswellen. In den vergangenen Jahren wurden bereits rund 250 Arbeitsplätze abgebaut. Der Verlag gehört seit vier Jahren dem verrufenen britischen Medien-Investor David Montgomery, den der „Berliner Kurier“ einst selbst als „Heuschrecke“ bezeichnete. „Montys“ in ganz Europa verzweigtes Imperium hat zurzeit allerdings über 300 Millionen Euro Schulden abzuzahlen. Um die Vorgaben umzusetzen („25 Prozent Umsatzrendite“), vertraut „Monty“ im Berliner Verlag seinem Statthalter Josef Depenbrock, in Personalunion Verlags-Geschäftsführer und Chefredakteur der „Berliner Zeitung“. Corvette-Fahrer Depenbrock hält allerdings nicht viel von redaktioneller Arbeit, sondern betätigt sich, wie der Betriebsrat herausfand, gelegentlich lieber mit Immobiliengeschäften am Hamburger Hafen. Und im privaten Kreis äußert Depenbrock schon mal ganz offen, dass seine wichtigste Aufgabe nicht etwa das Sicherstellen von journalistischer Qualität im Haus sei – sondern das „Wegbeamen“ von Arbeitsplätzen.

  • Im Axel Springer Verlag sieht es keinen Deut besser aus.  Der mit viel Brimborium begleitete und auch von Wirtschaftssenator Wolf bejubelte Umzug von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ nach Berlin wurde in Wahrheit dazu genutzt,  ca. 20 Prozent der Redakteure und Verlagsmitarbeiter loszuwerden. Für das kommende Jahr hat der Verlag aus finanziellen Gründen zudem teure „Events“ wie „Goldene Kamera“ oder „Ein Herz für Kinder“ gestrichen. Pathetisch ließ Vorstandschef Dr. Mathias Döpfner verkünden: „Wir verzichten eher auf Lachshäppchen als auf journalistische Qualität.“ Sollte er auch – denn in seiner Amtszeit hat Döpfner konzernweit die Zahl der Mitarbeiter bereits drastisch von 14 000 auf 9 000 reduziert. Traditionszeitungen wie die „BZ“ wurden bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert. Folge: Die „BZ“ verlor dramatisch an Auflage (Tendenz weiter stark fallend), die Mitarbeiter fürchten sich vor einer Einstellung ihrer Zeitung.

  • Auch das Kommunikationsunternehmen „Pixelpark“ steckt mal wieder in einer schweren Krise. Wurden nach dem Platzen der „Dotcom-Blase“ zu Beginn des Milleniums bereits über 2 000 Mitarbeiter gefeuert, müssen nun auch noch die letzten 300 Beschäftigten um ihren Job bangen.

Um es klar zu sagen: Das alles ist natürlich nicht die Schuld von Wirtschaftssenator Wolf. Er sollte aber wissen, dass sein Gerede von der „Medienstadt“ Berlin eine einzige hohle Phrase ist, die von den Betroffenen als Demütigung empfunden wird. Tatsache ist: Es gibt keine „Medienstadt“ Berlin, keine „Innovationen“ auf diesem Gebiet und leider schon gar keine neuen Arbeitsplätze. Höchstens für Dauer-Praktikanten, die oft über viele Monate ohne jede Bezahlung arbeiten.


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